Hodentumor

Die Hoden entstehen während der Embryonalentwicklung im Lendenbereich und wandern in der Folge über den Bauchraum und den Leistenkanal zu ihrem endgültigen Bestimmungsort, dem Hodensack. Hier sind die Hoden normalerweise zum Zeitpunkt der Geburt angekommen, dieser Vorgang wird als sog. Descensus testis bezeichnet. Dieser Vorgang kann gestört verlaufen, so dass einer oder beide Hoden auf ihrer Wanderung in den Hodensack zurückgehalten werden. Dies bezeichnet man als Hodenhochstand (Kryptorchismus).  Ein Hodenhochstand wird bei den Vorsorgeuntersuchungen (sogenannte U-Untersuchung) festgestellt und sollte spätestens bis zum Abschluss des zweiten Lebensjahres medikamentös oder operativ behandelt werden.

Die beiden Hoden befinden sich links und rechts im Hodensack. Ihnen sitzt kappenförmig der Nebenhoden auf, den der Samenleiter mit der Prostata verbindet. Der Samenleiter verläuft nach oben und zieht, begleitet von den Blut- und Lymphgefäßen des Hodens durch den Leistenkanal.

Der Hoden hat zwei eigenständige Funktionen: Zum einen werden in den Hoden die für die Fortpflanzung nötigen Samenzellen gebildet, die anschließend im Nebenhoden gespeichert werden und dorf auf „ihren Einsatz“ warten. Für die Produktion der Samenzellen ist eine konstante Temperatur von ca. 32°C nötig, weshalb die Hoden „außerhalb“ der Körperhöhle gelegen sind. Der Hodensack kann wärmeregulierend das „Klima im Hodensack“ konstant halten.

Unabhängig von der Samenproduktion wird im Hoden männliches Geschlechtshormon, das sogenannte Testosteron, gebildet und wird von dort in das Blutgefäßsystem abgegeben.

Allgemeine Informationen zum Hodentumor

Der Hodentumor als bösartige Neubildung des Hodens stellt die häufigste bösartige Erkrankung des jungen Mannes dar. Zumeist sind Männer zwischen dem 25. - 35. Lebensjahr betroffen, ein weiterer Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr.  90 % aller Hodentumoren gehen von den Keimzellen des Hodens aus, 10 % der Hodentumoren haben ihren Ausgang von anderen, im Hoden vorkommenden Geweben.

Im Vergleich zu anderen Ländern liegt die Neuerkrankungsrate in Deutschland ebenso wie in Skandinavien und Neuseeland  mit ca. 9,5 Männern/100.000 Einwohnern vergleichsweise hoch.

Bekannte Risikofaktoren für das Auftreten eines Hodentumors sind ein vorangegangener Hodentumor im anderen Hoden sowie der Hodenhochstand, unabhängig von der Art oder vom Zeitpunkt seiner Behandlung.

Insbesondere Brüder, jedoch auch Söhne eines Hodentumorpatienten haben ein erhöhtes Risiko, selbst an einem Hodentumor zu erkranken. Unter unfruchtbaren Männern findet man ebenfalls häufiger Hodentumoren als in der Normalbevölkerung.

Aufgrund intensiver medizinischer Forschungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten können Hodentumorpatienten heute, unabhängig vom Stadium ihrer Erkrankung, in über 90 % der Fälle erfolgreich therapiert und von ihrer Tumorerkrankung geheilt werden. Durch eine fachübergreifende Zusammenarbeit zwischen Urologen, Onkologen, Strahlentherapeuten und Radiologen kann für jeden Patienten auf der Basis internationaler Diagnose- und Therapiestandards ein auf sein Erkrankungsstadium „maßgeschneidertes“, stadiengerechtes Therapiekonzept entworfen werden.

Symptome des Hodentumors

Leitsymptom des Hodentumors ist eine schmerzlose Größenzunahme des Hodens. Auch tastbare Verhärtungen der Hodenoberfläche zählen zu den häufigen Erstsymptomen. Zumeist ist die Erkrankung nicht mit Schmerzen im Hoden verbunden. Die Vergrößerung der männlichen Brustdrüse, die Schwellung von Lymphknoten über dem Schlüsselbein oder Rückenschmerzen stellen seltenere Symptome dar, wobei die beiden letztgenannten häufig auf ein bereits fortgeschrittenes Tumorleiden hindeuten.
Ultraschallbild des Hodens bei Hodentumor. Innerhalb des Hodens (oval) läßt sich eine dunkle Raumforderung (Pfeil) nachweisen.
Ultraschallbild des Hodens bei Hodentumor. Innerhalb des Hodens (oval) läßt sich eine dunkle Raumforderung (Pfeil) nachweisen.

Diagnostik des Hodentumors

Der Hoden ist im Hodensack gut tastbar und ist somit leicht zu untersuchen. Neben dem Hoden wird eine gesamte körperliche Untersuchung durchgeführt.

Mittels moderner Ultraschallgeräte kann der Hoden gut sonographisch untersucht werden. Beide Hoden werden untersucht und vermessen, insbesondere kann die Tumorausdehnung im Hoden dargestellt werden.

Einige Hodentumoren produzieren sogenannte „Tumormarker“, die im Blut nachgewiesen werden können. Die für den Hodentumor relevanten Tumormarker sind Alpha-Feto-Protein (AFP), humanes Choriongonadotropin (HCG), Lactatdehydrogenase (LDH) sowie in einigen Fällen plazentarische alkalische Phosphatase (PLAP). Diese Tumormarker können, müssen aber nicht erhöht sein. Eine fehlende Erhöhung der Tumormarker kann eine Hodentumorerkrankung demzufolge nicht ausschließen, erhöhte Tumormarker machen jedoch die Diagnose eines Hodentumors in Verbindung mit der Symptomatik wahrscheinlich.

Bei Patienten mit erhöhten Tumormarkern macht man sich den Markerverlauf bei der Therapiekontrolle sowie in der Nachsorge zu Nutze.

Zum Nachweis einer bereits erfolgten Tumorabsiedelung (Metastasierung) wird eine Computertomographie (CT) des Bauchraumes sowie des Brustraumes durchgeführt. Mittels moderner Röntgenschnittbilddiagnostik können somit die am häufigsten auftretenden Lymphknoten - oder Lungenmetastasen nachgewiesen bzw. ausgeschlossen werden.

Weitere bildgebende Verfahren wie eine Computertomographie des Schädels zum Nachweis von Gehirnmetastasen, die Skelettszintigraphie zum Auschluss von Knochenmetastasen oder eine sog. Positronenemissionsszintigraphie (PET) zum Nachweis von Tumorgewebe im Körper nehmen eine Sonderstellung ein. Diese Untersuchungsverfahren werden bei wenigen Patienten zur Beantwortung spezieller Fragestellungen eingesetzt und haben keinen Stellenwert in der Routinediagnostik.
Der Hoden wurde am Samenstrang (rechts) abgesetzt. Der Hoden wurde anschl. aufgeschnitten, an der Schnittfläche zeigt sich eine unregelmäßige Tumorformation (Pfeil), die annähernd den gesamten Hoden einnimmt. Histologisch wurde ein "Nicht-Seminom" nachgewiesen.
Der Hoden wurde am Samenstrang (rechts) abgesetzt. Der Hoden wurde anschl. aufgeschnitten, an der Schnittfläche zeigt sich eine unregelmäßige Tumorformation (Pfeil), die annähernd den gesamten Hoden einnimmt. Histologisch wurde ein "Nicht-Seminom" nachgewiesen.

Therapie

Die Erstmaßnahme beim Hodentumor besteht in der operativen Freilegung des betroffenen Hodens über einen Hautschnitt im Bereich der Leiste. Der Hoden wird anschließend mit dem Samenstrang (Blutgefäße, Lymphgefäße, Nerven, Samenleiter) entfernt (Abb. 2).

In zweifelhaften Fällen kann eine Schnellschnittuntersuchung durchgeführt werden. Hierbei wird während der Operation eine Gewebeprobe aus dem verdächtigen Areal des Hodens einem Pathologen zur Begutachtung übersandt. Das Gewebe wird sofort beurteilt und der Befund dem Operateur unmittelbar in den Operationssaal übermittelt, so dass beim Vorliegen einer gutartigen Erkrankung der Hoden ggf. nicht komplett entfernt werden muss.

Der entfernte tumortragende Hoden wird nach Beendigung der Operation durch einen Pathologen beurteilt. Nach international festgelegten Kriterien wird der Hodentumor mikroskopisch untersucht. Das Ergebnis der feingeweblichen (histologischen) Untersuchung liefert wichtige, therapierelevante Informationen für die behandelnden Ärzte:

Anhand der feingeweblichen Untersuchung werden die Keimzelltumoren des Hodens in sogenannte Seminome und Nicht-Seminome unterschieden, für das weitere Vorgehen ein wichtiger und entscheidender Faktor, da sich das therpeutische Vorgehen bei Seminomen zum Teil deutlich von dem der Nicht-Seminome unterscheidet.

Die feingewebliche Untersuchung des entfernten Hodens durch den Pathologen stellt demzufolge eine entscheidende diagnostische Maßnahme und therapeutische Weichenstellung dar. Erst nach Vorliegen des pathologischen Befundes kann somit über das weitere therapeutische Vorgehen entschieden werden.

Folgende Fragen ergeben sich für das weitere Vorgehen beim Hodentumor:
  1. Handelt es sich um ein Seminom oder Nicht-Seminom?
  2. Werden Blutgefäße im Hoden oder das „rete testis“ durch den Tumor erfaßt?
  3. Finden sich im Rahmen der Umfelddiagnostik (CT) Lymphknoten- oder Organmetastasen? Welche Größe haben diese?
  4. Sind die Tumormarker erhöht und wenn ja, in welchem Ausmaß?
Anhand dieser Kriterien läßt sich das Ausmaß der Tumorerkrankung sicher klassifizieren (Tab. 1). Dem Tumorstadium entsprechend kann jedem Patienten ein individuelles Behandlungsregime vorgeschlagen werden. In einigen Tumorstadien können dem Patienten alternative Behandlungsmöglichkeiten angeboten werden; zwischen denen nach den Bedürfnissen des Patienten abgewogen werden kann. Grundlage für die Wahl des Behandlungsverfahrens stellt eine ausführliche Beratung des Patienten durch die behandelnden Ärzte dar. Eine enge ärztliche Kooperation zwischen den an der Behandlung beteiligten Fachdisziplinen (Urologie, Onkologie, Strahlentherapie) stellt heute eine Selbstverstänlichkeit zum Wohle des Patienten dar.

Stadium
Diagnostik
I

Kein Metastasennachweis
IIA


Retroperitoneale Lymphknoten mit einem Durchmesser kleiner 2cm
IIB

Retroperitoneale Lymphknoten mit einem Durchmesser von 2-5 cm
IIC

Retroperitoneale Lymphknoten mit einem Durchmesser größer 5cm
III

Lymphknotenmetastasen oberhalb des Zwerchfells und / oder andere Organmetastasen