Multiple Sklerose

Die Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose stellt einen Schwerpunkt in der Neurologischen Klinik des Klinikums Rosenheim dar. Zur Diagnostik werden alle unten genannten Untersuchungen durchgeführt. Falls notwendig, wird parallel dazu bereits mit der Therapie der akuten Krankheitserscheinungen in Form einer intravenösen Cortison-Behandlung begonnen. Bei schweren Erkrankungsschüben kann durch die Kooperation mit der Dialyse im Hause auch eine sogenannte Plasmapherese, also eine Blutwäsche durchgeführt werden. Anschließend kann noch in der Klinik mit der Einstellung auf ein Interferon-Präparat oder Glatirameracetat begonnen werden. Unterstützt wird die Rückbildung der Symptome durch die während des Krankenhausaufenthaltes intensiv durchgeführte Krankengymnastik und Ergotherapie. Falls sich unter den genannten Medikamenten die Krankheit nicht ausreichend beeinflussen lässt, bieten wir unseren Patienten auch die immunsuppressive Therapie mit dem Cytostatikum Mitoxantron an. Zur Verabreichung des Medikaments und den notwendigen Kontrolluntersuchungen werden unsere Patienten alle 3 Monate für eine Nacht stationär aufgenommen.

Multiple Sklerose (MS) ist  eine häufige Erkrankung des Gehirns und des Rückenmarks mit etwa 60 - 100 Kranken pro 100.000 Einwohner.

Entstehung:
Bei MS erkrankt die Markscheide der Nervenzellen des Gehirns aufgrund einer Entzündungsreaktion. Das Myelin, die fetthaltige Hülle eines jeden Nerven, ist verantwortlich für eine hohe Nervenleitungsgeschwindigkeit. Diese wiederum ermöglicht es, gleichmäßige, schnelle und koordinierte Bewegungen auszuführen. Infolge der bei MS auftretenden Läsion des Myelins (Entmarkung) kommt es zu einer Störung der Nervenimpulsleitung vom und zum Gehirn. Die Stellen, an denen das Myelin erkrankt ist oder fehlt, heißen Piaques. Sie erscheinen im Gewebsschnitt als verhärtete („sklerosierte") Erkrankungsherde. Multiple Sklerose heißt diese Erkrankung deshalb, weil diese Plaques im Krankheitsverlauf zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Bereichen von Gehirn und Rückenmark auftreten.
 
Die Ursache der MS ist noch unbekannt. Die Zerstörung des Myelins (sog. Markscheidenuntergang) wird wahrscheinlich durch eine abnorme Reaktion des körpereigenen Immunsystems verursacht. Hierdurch werden weiße Blutkörperchen (Lymphozyten) im Blutkreislauf aktiviert, die in das Gehirn eindringen und dann das Myelin angreifen und zerstören. Die Erkrankung verläuft zu Anfang meist in Schüben, die in unterschiedlicher Häufigkeit auftreten und bei denen die Krankheitserscheinungen sich nach mehreren Wochen oft vollständig wieder zurückbilden.

Diagnostik:
Besteht auf Grund der Krankengeschichte eines Patienten der Verdacht auf eine vorliegende MS-Erkrankung, sind verschiedene Untersuchungen notwendig, um andere mögliche Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Neben einer eingehenden neurologischen Untersuchung des Patienten gehört hierzu eine Kontrolle der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, die durch Punktion gewonnen wird (Liquorpunktion). In den meisten Fällen finden sich dabei krankhaft veränderte Werte, z.B. erhöhte Konzentrationen so genannten Immunglobulinen und Lymphozyten im Liquor. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass solcherart veränderte Werte auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems auftreten können, z.B. bei Hirnhautentzündung (=Meningitis).

Eine weitere Untersuchungsmethode sind die so genannten visuell evozierten Potentiale (VEP). Hierunter werden Reaktionen im Gehirn verstanden, die durch bestimmte optische Reize ausgelöst sind und mit Hilfe von auf die Kopfhaut aufgelegten Elektroden registriert werden können. Liegt eine Multiple Sklerose vor, zeigen sich meist charakteristische Veränderungen, z.B. die Verzögerung bestimmter Reaktionen.

Unter den bildgebenden Verfahren ist vor allem die Kernspintomographie (MRT) als Untersuchungsmethode geeignet. Hier sind häufig schon sehr frühzeitig die krankhaft veränderten Herde erkennbar, die für Multiple Sklerose charakteristisch sind.

Therapie:
Es gibt bisher noch keine Therapie, die Multiple Sklerose heilen kann. Es ist jedoch heute möglich, die Stärke und Häufigkeit der auftretenden Schübe zu mindern. Darüber hinaus zielt eine Therapie darauf ab, die krankheitsbedingten Symptome so weit wie möglich zu lindern.

Da angenommen wird, dass Multiple Sklerose zu den Autoimmunerkrankungen gehört, besteht ein wesentlicher Therapieansatz darin, die Aktivität des Immunsystems durch die Gabe bestimmter Medikamente, so genannter Immunsuppressiva, zu unterdrücken. Während eines akuten Schubs wird deshalb in hoher Dosierung Kortison verabreicht, das in erster Linie entzündungshemmende Effekte zeigt. Bei einem schweren Schub, der nicht ausreichend auf Kortison reagiert, kann eine zusätzliche Behandlung mit Plasmapherese in Erwägung gezogen werden. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem über einen Filtermechanismus Substanzen, die in bestimmte Entzündungsreaktionen involviert sind, aus dem Blut entfernt werden.

Zur Vorbeugung von akuten Schüben und dem damit verbundenen Voranschreiten der Erkrankung werden zwischen den einzelnen Schüben Medikamente eingesetzt, die die Aktivitäten des Immunsystems beeinflussen, wie so genanntes Beta-Interferon, Glatirameracetat oder das Immunsuppressivum Mitoxantron. Da Beta-Interferon nicht in Tablettenform gegeben werden kann, sondern mehrfach pro Woche gespritzt werden muss, sollten die Patienten möglichst angelernt werden, sich diese Spritzen selbst zu verabreichen. Auf diese Weise können sie trotz ihrer Erkrankung eine gewisse Unabhängigkeit bewahren.

Bei hochaktivem Verlauf der Erkrankung mit häufigen Schüben unter Standardtherapie mit Interferonen oder Glatirameracetat ist auch der monokonale Antikörper Natalizumab zur Therapie zugelassen. Das Medikament wird alle 4 Wochen intravenös infundiert. Die Neurologische Klinik des Klinikums Rosenheim wurde als erste Klinik in Bayern im Jahre 2009 für die ambulante Therapie mit Natalizumab nach § 116b SGB V zugelassen. Patienten können hierzu über ihre behandelnden Nervenärzte zugewiesen werden.

Prognose:
Die Multiple Sklerose hat eine bessere Prognose als häufig angenommen wird. Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich die mittlere Lebenserwartung von MS-Erkrankten nicht wesentlich von der der Normalbevölkerung unterscheidet. Etwa 30-50 % der Patienten zeigen auf lange Sicht einen gutartigen Verlauf der Erkrankung. So sind nach einer mittleren Krankheitsdauer von 18 Jahren noch etwa ein Drittel der Patienten voll berufstätig oder arbeiten relativ uneingeschränkt im Haushalt.

Chefarzt:
Dr. med.
Hanns Lohner

Neurologie und Psychatrie, Spezielle
Neurologische Intensivmedizin

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