Multiple Sklerose (MS)

Die Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose stellt einen Schwerpunkt in der Neurologischen Klinik des Klinikums Rosenheim dar.

Was ist MS?

Bei der MS handelt es sich um eine Entzündung des zentralen Nervensystems, welche an verschiedenen Stellen im Gehirn oder Rückenmark auftreten kann. In Deutschland sind mehr als 200.000 (1), vor allem junge, berufstätige Menschen von MS betroffen.

Die Entzündung entsteht durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems, wobei weiße Blutkörperchen (Lymphozyten) im Körper aktiviert werden, die dann in das Nervensystem eindringen und die Markscheide (Myelin), eine fetthaltige Hülle der Nervenzellen, angreifen. Infolge der Entzündungsreaktion wird die Markscheide und teilweise auch die Nervenzelle geschädigt und dadurch die Signalübertragung zwischen Nervenzelle und Körper gestört. Je nach Schädigungsort kann eine Vielfalt von Symptomen, typischerweise eine Sehstörung, ein Taubheitsgefühl oder eine Lähmung, aber auch andere, für das Umfeld „unsichtbare“ Beschwerden, wie Müdigkeit, Blasenschwäche oder Depression auftreten.

In der Frühphase der Erkrankung steht das entzündliche Geschehen im Vordergrund. Im Verlauf wird  die Entzündungsaktivität weniger intensiv aber durch den zunehmenden Untergang der Nervenzellen (Neurodegeneration) entstehen irreparable Gewebeschäden. Diese führen zur stetigen Zunahme der Behinderung. Die Erkrankung verläuft bei über 80 % der Fälle zu Anfang in Schüben mit kompletter oder unvollständiger Rückbildung der Symptome. Diese schubförmige Multiple Sklerose kann teilweise schleichend in einen Krankheitsverlauf mit langsamer Verschlechterung der Beschwerden übergehen (sekundär-progrediente Verlaufsform). Bei den restlichen 10-15 % schreiten die Krankheitszeichen von Anfang an kontinuierlich fort (primär-progrediente Verlaufsform).  

Mittlerweile sind die negativen Effekte des Rauchens, ein niedriger Vitamin D-Spiegel, die zu geringe Sonnenstrahlung, das Übergewicht im Kindesalter und der höhere Salzkonsum bei Entstehung der Krankheit in wissenschaftlichen Arbeiten belegt. Während die genetischen Faktoren nicht modifizierbar sind, können Veränderungen des Lebensstils und Umweltfaktoren den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Diagnostik

Besteht aufgrund der Krankheitsgeschichte eines Patienten der Verdacht auf eine vorliegende Multiple Sklerose, sind verschiedene Untersuchungen notwendig, um andere mögliche Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Neben einer eingehenden neurologischen Untersuchung des Patienten gehört hierzu eine Analyse der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, die durch eine Punktion gewonnen wird (Liquorpunktion). Meistens sind hier vermehrte Antikörper (Immunglobuline) zu finden, aber auch die Zahl der weißen Blutkörperchen kann als Zeichen der Entzündung erhöht sein. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass solcherart veränderte Werte auch  bei anderen entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems, wie zum Beispiel bei Hirnhautentzündung auftreten können.

Als weitere wichtige Methode, entzündliche Veränderungen im Gehirn oder im Rückenmark nachweisen zu können, ist die Kernspintomographie. Hier sind die charakteristische Verteilung und die Zahl der Entzündungsherde entscheidend für die Diagnose und den Therapiebeginn.

Mit Hilfe sogenannter evozierter Potentiale wird die Funktionsfähigkeit der Nervenbahnen überprüft. Durch Reizung eines Sinnesorgans (Auge/Ohr) oder eines Nervs an der Hand und am Fuß kann die Geschwindigkeit der Reizübertragung bis zum Gehirn oder Rückenmark krankhaft verzögert sein. Solche Veränderungen sind teilweise sogar auch bei klinisch nicht erkennbaren Symptomen eines MS-Betroffenen nachweisbar.

Therapie

Die Multiple Sklerose ist zwar heute noch nicht heilbar, es gibt aber zahlreiche Medikamente, welche durch Unterdrückung des Immunsystems die krankheitsbedingten Symptome und das Fortschreiten der Erkrankung mildern oder sogar verhindern können.

Während eines akuten Schubs wird in hoher Dosierung Cortison verabreicht. Wenn diese Behandlung keinen entsprechenden Effekt erzielt, kann in Kooperation mit der Dialyse in unserer Klinik eine zusätzliche Behandlung mit Plasmapherese oder Immunadsorption in Erwägung gezogen werden. Hierbei handelt es sich um zwei Verfahren, bei denen über einen Filtermechanismus Antikörper und Immunkomplexe, die in der Entzündungsreaktion involviert sind, aus dem Blut entfernt werden. Unterstützt wird die Rückbildung der Symptome durch die während des Klinikaufenthaltes intensiv durchgeführte Krankengymnastik und Ergotherapie.

Das Voranschreiten der Erkrankung ist im Alltag oft nicht sichtbar. Genau diesem Prozess entgegen zu wirken und auch zur Vorbeugung von akuten Schüben werden Medikamente eingesetzt, die durch die Immunreaktion verursachten Nervenschädigung langfristig vermeiden. Bereits 15 verschiedene Medikamente sind zur Behandlung der MS zugelassenen. Einige stehen in Tablettenform zur Verfügung, andere sind als Spritzen oder Infusionen zu verabreichen.  Bei der Entscheidung für eine auf die Person abgestimmte Therapie werden Krankheitsverlauf, Wirksamkeit und Nebenwirkungen des Medikaments und persönliche Wünsche des Betroffenen berücksichtigt.

Bei der milden und moderaten schubförmigen Verlaufsform setzen wir weiterhin die gut bewährten Medikamente als Spritzen (Interferone und Glatirameracetat) und aber auch Tabletten (Teriflunomid, Dimethylfumarat), welche auch schon seit Jahren auf dem Markt sind, ein. Bei (hoch)aktivem Krankheitsverlauf kommt Fingolimod und Cladribin in Tablettenform oder Natalizumab, ein monoklonaler Antikörper zum Einsatz. Natalizumab wird alle 4 Wochen intravenös infundiert. Unsere Klinik wurde als Erste in Bayern im Jahre 2009 für die ambulante Therapie mit Natalizumab nach § 116b SGB V zugelassen. Seit 2013 steht ein weiterer Antikörper, Alemtuzumab und seit Januar 2018 Ocrelizumab als Infusion zur Verfügung. Ocrelizumab ist übrigens das erste für die primär-progrediente MS zugelassenes Medikament.

Azathioprin (Tablette) und Mitoxantron (Infusionen alle 3 Monate) zur Unterdrückung der Immunabwehr sind aufgrund der Vielfalt und besserer Wirksamkeit/Verträglichkeit der neuen Therapien in den Hintergrund geraten. Rituximab, auch ein monoklonaler Antikörper, ist zwar für die Behandlung der Multiplen Sklerose in Deutschland nicht zugelassen, wird aber in seltenen Fällen mit günstigem Effekt eingesetzt.

Zusätzlich kann eine symptomorientierte Behandlung z.B. bei Schmerzen, Spastik, Depression oder Blasenstörung erforderlich sein.

Prognose

Es ist keine Frage, dass die Krankheit Multiple Sklerose für die einzelne Person eine große Herausforderung ist, was das Berufs- und Familienleben enorm verändern kann. Dank der Vielfalt neuer therapeutischer Möglichkeiten wird die Prognose der Erkrankung immer besser. Mit einer frühzeitigen Behandlung unterscheidet sich die mittlere Lebenserwartung von den meisten MS-Erkrankten nicht wesentlich von der Normalbevölkerung. Solange ca. 40% der MS-Betroffenen nach einer Krankheitsdauer von 13 Jahren eine Frührente beziehen, bleibt knapp ein Drittel in Vollzeit berufstätig (2). Im Gegensatz zu früher, als noch MS-betroffene Frauen von einer Schwangerschaft abgeraten wurden, stellt die Krankheit heutzutage für die Familienplanung und den Kinderwunsch kein Hinderungsgrund mehr dar. MS-Patientinnen werden vor und während der Schwangerschaft nach den neuesten Empfehlungen und Erkenntnissen zu diesem Thema beraten und in Zusammenarbeit mit unseren Gynäkologen intensiv mitbetreut.
 

(1): J. Holstiege et al.: Epidemiologie der Multiplen Sklerose – eine populationsbasierte deutschlandweite Studie, Bericht Nr. 17/09, veröffentlicht am 7.12.2017

(2): P. Flachenecker: Multiple-Sklerose-Register in Deutschland. Deutsches Ärzteblatt Jg. 105, Heft 7 15. Februar 2008

Chefarzt:
Dr. med.
Hanns Lohner

Neurologie und Psychatrie, Spezielle
Neurologische Intensivmedizin

Tel  +49 (0) 8031 - 365 36 61
Fax +49 (0) 8031 - 365 49 04

dmsg
Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft Landesverband Bayern e. V.

Die DMSG Bayern bietet Ihnen tatkräftige und kompetente Unterstützung wenn Sie von multipler Sklerose betroffen sind: durch Beratung, hilfreiche Dienste, Veranstaltungen und Kontakte.