Urologische Funktionsdiagnostik

Zur Abklärung von Blasenfunktionsstörungen stehen verschiedene, dem jeweiligen Krankheitsbild angepasste Untersuchungstechniken zur Verfügung, die unter dem Begriff  urodynamische Diagnostik (Urodynamik) zusammengefasst werden.

Die Indikation zur urodynamischen Untersuchung ergibt sich aus der Anamnese und Symptomatologie der vorliegenden Funktionsstörung der Harnblase.

Man unterscheidet grundsätzlich Blasenentleerungsstörungen und -speicherstörungen:

Unter Entleerungsstörung versteht man eine erschwerte, verlängerte und/oder unvollständige Entleerung der Harnblase. Leitsymptome sind rezidivierende Harnwegsinfekte, Pollakisurie (häufiger Harndrang), Miktionserschwernis (Bauchpresse) und ein Restharngefühl.

Das vorherrschende Symptom der Speicherstörung ist hingegen der unwillkürliche, unfreiwillige Harnverlust, die Harninkontinenz. Der betroffene Mensch ist außerstande, den Zeitpunkt des Wasserlassens selbst zu bestimmen. Ursachen können Störungen der Harnblase selbst, des Schließmuskels, der Beckenbodenmuskulatur, der versorgenden Nerven oder auch eine vergrößerte Prostata (Vorsteherdrüse) beim Mann sein.

Die Harninkontinenz stellt ein häufiges Krankheitsbild dar, an dem Menschen aller Altersgruppen, Männer und Frauen leiden. Die Zahl der betroffenen Menschen in Deutschland beträgt ca. 6 Millionen.

Vor dem Einsatz der urodynamischen Untersuchung wird die exakte Anamnese (Miktionsgewohnheiten, -frequenz, urologische und gynäkologische Voroperationen, Unfälle oder Operationen im kleinen Becken oder im Bereich der Wirbelsäule, Geburtstraumen, neurologische Erkrankungen, Diabetes mellitus, Medikamente, etc.) erfragt, und der Patient darum gebeten, ein Miktionsprotokoll zu führen, d. h. über 3 Tage (besser über 7 Tage) Trinkmenge, Toilettengänge, Episoden von Harninkontinenz, etc. exakt aufzuschreiben. Danach schließen sich in der Regel allgemeine urologische Untersuchungsverfahren, wie zum Beispiel Urin- und Blutuntersuchungen, Sonografie, Zystoskopie (Blasenspiegelung), Messung der Harnröhrenweite (Harnröhrenkalibrierung), an.

Die urodynamische Diagnostik umfasst dann folgende Untersuchungstechniken:
  1. Uroflowmetrie
  2. Flow-EMG
  3. Zystometrie- und Druck-Fluss-Messung
  4. Video-Urodynamik
  5. Urethradruckprofil
Diese Untersuchungen können als Einzeluntersuchungen oder als Kombinationsverfahren durchgeführt werden.

Uroflowmetrie (Harnflussmessung):
Der Uroflowmetrie kommt als nichtinvasives Untersuchungsverfahren in der Urodynamik eine große Bedeutung zu. Bei Verdacht auf das Vorliegen einer Blasenentleerungsstörung, gleich welcher Ursache, wird dieses Untersuchungsverfahren eingesetzt. Symptome wie eine Harnstrahlabschwächung, verlängerte Miktionszeit, Startschwierigkeiten, Nachträufeln können verifiziert werden.

Die Untersuchung wird mit voller Blase durchgeführt. Wenn der/die Betroffene einen starken Drang zum Wasserlassen verspürt, erfolgt die Miktion in das Messgerät  Das Messgerät (Uroflowmeter) besteht aus einem Trichter zum Auffangen des Urins mit einer integrierten Messeinheit, die den Harnfluss als Funktion der Zeit registriert. Die gemessenen Werte werden als Kurve dargestellt. Dabei gibt die Darstellung der Kurvenform Hinweise für das Vorliegen bestimmter Krankheitsbilder: So spricht zum Beispiel ein steiler Anstieg der Kurve mit sägeartigem niedrigen Plateau für des Vorliegen einer Harnröhrenenge.

Im Anschluss an die Untersuchung erfolgt die Messung eines möglichen Restharns mittels einer Ultraschalluntersuchung.

Flow-EMG:
Beim Flow-EMG wird bei der Harnflussmessung simultan die eletromyographische Aktivität des Beckenbodens/Schließmuskels (Sphincter externus) gemessen. Dazu werden Oberflächenelektroden in der entsprechenden Region aufgeklebt.

Normalerweise kommt es während der Blasenentleerung zur Entspannung von Schließmuskel und Beckenboden, bei bestimmten Formen der Blasenentleerungsstörung jedoch zeigen Sphincter- und Beckenbodenmuskulatur ein gegenteiliges Verhalten. Dieses dyssynerge Verhalten stellt zum Beispiel eine häufige Blasenentleerungsstörung im Kindesalter dar. Die einfache Untersuchungsmethode des Flow-EMGs kann leicht die Diagnose stellen und so letztlich helfen, zum Beispiel Einnässen im Kindesalter wirkungsvoll zu therapieren.

Zystometrie- (Blasendruckmessung) und Druck-Fluss-Messung:
Bei der Zystometrie wird der Blaseninnendruck während der Füllung der Harnblase gemessen. Erfasst werden können dabei die Sensitivität der Harnblase, ihre Kapazität, Dehnbarkeit und Stabilität.

Die Druck-Fluss-Messung schließt sich an die Zystometrie der Speicherphase an und erfasst den Blaseninnendruck und simultan den Harnfluss während der Phase des Wasserlassens (Miktion).

Zunächst muss vor Untersuchungsbeginn eine Blasenentzündung (Zystitis) ausgeschlossen werden, da diese die Untersuchungsergebnisse verfälschen könnte.

Dann wird ein dünner Katheter über die Harnröhre (transurethraler Katheter) in die Blase eingelegt, über den die Blase gefüllt werden kann. Mit Hilfe dieses transurethralen Katheters und zusätzlich einem transanalen Messkatheter (der in den Enddarm eingeführt wird) können während der Füllungs- und Entleerungsphase der Blase sowohl in Ruhe als auch unter Belastung (Husten, Pressen) kontinuierlich Drücke aufgezeichnet werden. Die gewonnenen Druckkurven geben dann Hinweise auf die zugrunde liegende Störung im Bereich des Schließmuskels oder des Blasenmuskels.

So können mit dieser Untersuchung die verschiedenen Formen der Harninkontinenz (Belastungs-, Dranginkontinenz, Mischharninkontinenz, neurogene/nichtneurogene Detrusorhyperaktivität mit Harninkontinenz, Hochdruckblase) unterschieden und entsprechende Therapiemaßnahmen eingeleitet werden.

Insbesondere bei V. a. das Vorliegen einer neurogen bedingten Blasenfunktionsstörung können ergänzend noch sogenannte Provokationstests (z. B. Eiswassertest, Carbacholtest) in die Untersuchung integriert werden, um genauere Aufschlüsse über die neurologische Läsion zu erlangen. Außerdem wird  während der Druck-Fluss-Messung meist simultan das Beckenboden- EMG aufgezeichnet, um etwa eine Obstruktion bei der benignen Prostatavergrößerung (BPH) erfassen zu können.

Video-Urodynamik:
Die Video-Urodynamik bietet die Möglichkeit, kontinuierlich die Blasenfüllung bzw. -entleerung im Röntgenbild zu verfolgen. Die Zystometrie und Druck-Fluss-Messung erfolgt also hier unter simultaner Röntgenkontrolle. So erhält man neben den gemessenen Funktionsabläufen simultan Informationen über die Blasenform und anatomische Besonderheiten.

Die Hauptindikation für die Video-Urodynamik besteht wie beim EMG bei neurologischen Erkrankungen mit assoziierten Blasenfunktionsstörungen.

Urethradruckprofil:
Das Urethradruckprofil dient der Quantifizierung des urethralen Verschlusses (Verschluss der Harnröhre). Durch die simultane Aufzeichnung von Blasen- und Urethradruck kann der Urethraverschlussdruck über den gesamten Verlauf der Harnröhre als Differenz aus Urethra- minus Blasendruck erfasst werden. Zur kontinuierlichen Schreibung des Urethraprofils wird ein Katheter maschinell mit definierter Geschwindigkeit durch die Harnröhre zurückgezogen. Der Stellenwert eines Urethradruckprofils ist noch immer diskutiert, aber insbesondere bei der weiblichen Harninkontinenz kann das Profil prinzipiell direkt eine Harnröhrenverschlussinsuffizienz nachweisen und somit zum Beispiel die Indikation für eine operative Therapie erhärten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Urologische Funktionsdiagnostik unabdingbar ist für die Abklärung von Blasenfunktionsstörungen jeder Art: Weibliche/männliche Harninkontinenz, Blasenentleerungsstörungen, die mit neurologischen Krankheitsbildern assoziiert sind, nächtliches Einnässen von Kindern (Enuresis nocturna), etc..

Je nach Befund können dann verschiedene Therapieoptionen angeboten werden. Hier unterscheidet man grundsätzlich konservative von operativen Therapieformen.

Zu den konservativen Therapien zählen Medikamente, Beckenbodengymnastik, Verhaltenstherapie, Biofeedback, Elektrostimulation, etc..

Als operative Therapien kommen zum Beispiel spannungsfreie Bänder (T.O.T., T.V.T.), Faszienzügelplastiken oder die Operation nach Burch bei bestimmten Formen der Harninkontinenz in Frage.