Cystinose-Zentrum

Cystinose ist eine angeborene, vererbte Stoffwechselstörung, die zu einer Speicherung von Cystin in den Zellen vieler Organe des Körpers führt. Der Erbgang dieser Erkrankung ist autosomal-rezessiv, das heißt: Wenn beide Eltern einen Gendefekt in sich tragen, der sie nicht krank macht, kann es sein, dass ihr Kind beide Gene erbt und z.B. mit Cystinose geboren wird. Die Häufigkeit der Cystinose liegt bei etwa 1:100.000 bis 1:200.000 Geburten, in Deutschland sind etwa 120 Familien betroffen. Es ist für Eltern daher kaum möglich, von diesem seltenen Gendefekt zu wissen. Unseres Wissens werden etwa 2 bis 3 Kinder jedes Jahr in Deutschland neu diagnostiziert.

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Symptome und Verlauf

Man unterscheidet drei Verlaufsformen der Cystinose: infantil-nephropathisch, juvenil-nephropathisch, adult. Zwischen der infantil-nephropathischen und der juvenil-nephropathischen Form gibt es zahlreiche Übergangsformen. Infantilnephropathisch bedeutet, dass die ersten Symptome schon bei kleinen Kindern zu erkennen sind und vor allem in der Niere auftreten. Die juvenil-nephropathische Form zeigt sich erst bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die adulte Form tritt nur bei Erwachsenen auf.

Die Cystinose verläuft am häufigsten als infantil-nephropathische Form. Dabei werden die Kinder nach normaler Schwangerschaft ohne Krankheitszeichen geboren. Ab einem Alter von etwa sechs Monaten, z. T. aber auch erst Monate bis Jahre später, treten die ersten Zeichen auf, die vor allem den Eltern auffallen. Die Symptome treten nicht bei allen Kindern in derselben Reihenfolge auf. Manche Kinder haben auch nicht alle
Symptome.

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Was bedeutet Cystinose für den Körper?

Cystinose ist eine angeborene Stoffwechselerkrankung, bei der sich in allen Körperzellen Cystin ansammelt, das eigentlich ausgeschieden werden müsste. Jeder Mensch produziert die Aminosäure Cystin, aber Zellen in gesunden Menschen können ausscheiden, was sie nicht „brauchen“. In Patienten mit Cystinose verbleibt das Cystin in der Zelle und bildet dort Kristalle, die die Zelle schädigen. Wenn zu viele Zellen geschädigt sind, zeigen sich die ersten Symptome an den Organen. Ursache für die Anreicherung von Cystin in den Körperzellen ist wahrscheinlich ein nicht richtig funktionierendes „Transportsystem“ in dem Bereich der Zelle, der Abfallstoffe ausfiltert (Lysosomen). Für eine erfolgreiche Behandlung der Cystinose ist es wichtig, möglichst viele Cystinmoleküle aus der Zelle zu „schmuggeln“. Hierbei spielt der Wirkstoff Cysteamin eine wichtige Rolle. Wenn ein Patient Cysteamin regelmäßig in ausreichender Menge (unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle) einnimmt, verbinden sich große Mengen des Cystins mit dem Cysteamin und können in dieser Verbindung die Zelle verlassen. Dadurch verringert sich die Cystinanreicherung und die Schädigung der Zellen verlangsamt sich stark.

Niere
Es kommt zu einer Störung der tubulären Funktionen, vor allem einer Konzentrationsstörung des Harns. Das heißt: Die Nieren können die Flüssigkeit, die der Körper braucht, nicht mehr zurückfiltern, es wird mit dem Urin ausgeschieden. Die Kinder fallen auf durch großen Durst (auch in der Nacht!) und durch Entleerung großer Urinmengen. Bei Durchfallerkrankungen besteht die Gefahr der Dehydratation. Zudem kommt es zu Verlusten von Elektrolyten (Kalium, Natrium, Kalzium), Phosphat und Bikarbonat. Wird die tubuläre Insuffizienz (DeToni-Debré-Fanconi-Syndrom) rechtzeitig erkannt, können die Verluste durch die Gabe von zusätzlicher Flüssigkeit, Elektrolytlösungen, Natriumhydrogencarbonat, Phosphatsalzen und Vitamin D lange Zeit ausgeglichen werden.

Wichtig: Kinder mit Cystinose müssen viel trinken. Wenn sie zu wenig trinken, trocknen sie aus, weil die Niere die Flüssigkeit nicht mehr an den Körper zurückgibt, sondern alles als Urin ausscheidet. Bei Durchfallerkrankungen oder hohem Fieber ist die Gefahr des Austrocknens besonders groß – scheuen Sie sich nicht, schnell zu Ihrem Kinderarzt oder in die Kinderklinik zu gehen.

Ohne die richtige Therapie verlieren die Nieren meist zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr auch ihre glomeruläre Funktion, das heißt: Die Nieren verlieren die Fähigkeit, Giftstoffe aus dem Körper auszufiltern, die giftigen Stoffwechselabbauprodukte im Blut werden immer mehr. Das kann dazu führen, dass eine Dialyse oder Transplantation notwendig wird.

Wachstum
Kinder mit Cystinose fallen durch ein verzögertes Wachstum auf. Nach normaler Geburtsgröße und normalem Wachstum in den ersten Lebensmonaten bleibt die Größe zunehmend hinter der Altersnorm zurück. Auch bei guter medikamentöser Einstellung und stabilen Nierenwerten wachsen viele Kinder mit Cystinose schlecht, bei einigen stagniert das Wachstum bereits vor dem 10. Lebensjahr. Der Kleinwuchs von Cystinose-Kindern führt häufig dazu, dass ihre Intelligenz und ihre soziale Entwicklung weit unterschätzt werden. Diese verlaufen jedoch altersentsprechend, so dass die Kinder einen normalen Kindergarten und eine Regelschule besuchen können.

Kinder mit Cystinose sind zwar häufig kleiner als ihre Altersgenossen, aber ihre Intelligenz und ihre geistigen Fähigkeiten entwickeln sich entsprechend ihrem Alter. Unterfordern Sie die Kinder nicht – lassen Sie sie selbständig werden und alles ausprobieren, was sie möchten.

Die zu erwartende Endgröße von Cystinose-Patienten ist sehr unterschiedlich. Das Wachstum sollte engmaschig kontrolliert werden. Um die psycho-sozialen Probleme möglichst gering zu halten, sollte bei Kindern, die ein eingeschränktes Wachstum haben, eine Behandlung mit Wachstumhormon erwogen werden.

Augen
Cystinose-Patienten sind sehr stark lichtempfindlich (Photophobie), was vor allem durch kristalline Cystinablagerungen in der Hornhaut hervorgerufen wird. Abgesehen von der Photophobie ist das Sehvermögen aber nicht beeinträchtigt. Eine Schädigung der Netzhaut kann bei manchen erwachsenen Patienten eintreten.

Gut behandelte Patienten mit Cystinose haben meistens keine großen Probleme mit den Augen. Sie können gut sehen (z.B. Tafel) und fast alle können auch einen Führerschein machen, wenn sie 18 Jahre alt werden.

Muskeln und Knochen
In jüngster Zeit haben Forschungen ergeben, dass viele Symptome wie Schwäche, Müdigkeit, Probleme in der Feinmotorik, Schluckprobleme – aber auch das häufigere Auftreten von Knochenbrüchen, später von Muskel- und Knochenschwund tatsächlich mehrere Ursachen haben. Ganz grob gesprochen: Der Teufelskreis beginnt damit, dass die Kinder müde sind, sie bewegen sich deshalb nicht genug, sie werden zur Schule gefahren, sie gehen nicht oder selten zum Sport. Am Schulsport trauen sie sich nicht teilzunehmen – weil sie ja nicht so gelenkig und dauernd müde oder schwächer sind.

Ermutigen Sie Ihre Kinder, sich zu bewegen. Gehen Sie mit Ihnen zum Kinderturnen oder im Sommer auf den Spielplatz. Lassen Sie zu, dass Ihre Kinder im Sportverein andere Kinder als in der Schule kennenlernen. Die Rücksichtnahme unter solchen Kindergruppen ist viel größer als man glaubt. Jede Sportart ist prinzipiell möglich, das darf jeder für sich ausprobieren.

Die beste Vorbeugung gegen Knochenprobleme und Muskelschwund ist viel Bewegung. Die Muskeln werden trainiert und stimulieren durch dauernde Bewegung den Knochen dazu, kräftiger zu werden. Es ist erwiesen, dass die Kinder, die früh im Sportverein, Schwimmclub, beim Turnen, Tischtennis o.ä. mitmachen durften, als Jugendliche und Erwachsene viel weniger Probleme bekommen als überbehütete „Couch Potatoes“. Das ist ein Feld auf dem Eltern ihren Kindern ganz besonders viel Gutes tun können, indem sie Toben, Klettern, Springen nach Möglichkeit der Kinder zulassen und dazu ermutigen. Fahrradfahren fällt dabei häufig leichter als laufen (und ein Fahrrad trägt auch die Schultasche).

Können Menschen mit Cystinose Eltern werden?
Es gibt inzwischen viele Frauen weltweit (d.h. bei Cystinosepatienten etwa 30 Frauen), die ein Kind zur Welt gebracht haben. Wenn der Vater dieses Kindes keine Cystinose hat und auch kein Überträger ist (Gentest!!), hat das Kind keine Cystinose. Es gibt noch keinen Mann, der auf „normalem“ Weg ein Kind gezeugt hat. Aber es gibt die Möglichkeit für junge Männer, Samen zu spenden oder zu gewinnen und aufbewahren zu lassen, um eventuell später „in vitro“ Vater zu werden. Dieses Verfahren steckt noch in den „Kinderschuhen“ und es macht Hoffnung.

Und was noch?
Da jede einzelne Zelle im Körper die gleiche genetische Zusammensetzung hat, können alle Zellen geschädigt werden. Bei Erwachsenen oder auch bei manchen Jugendlichen können die Schilddrüse, die Bauchspeicheldrüse, die Lunge und andere Organe betroffen sein. Der Verlauf der Krankheit ist bei jedem Betroffenen unterschiedlich, allerdings ähneln sich meistens die Verläufe bei zwei Kindern derselben Familie. Bei der juvenil-nephropathischen Form der Cystinose treten die gleichen Symptome wie bei der infantilen Cystinose auf, allerdings deutlich später (immer nach dem ersten Lebensjahr, manchmal erst im zweiten Lebensjahrzehnt). Von einer adult-benignen Cystinose spricht man nur dann, wenn bei einem Erwachsenen Cystinkristalle bzw. eine Cystinose festgestellt werden, ohne dass es zu irgendeiner Nierenfunktionsstörung gekommen ist. Diese Cystinkristalle werden in aller Regel zufällig bei einer augenärztlichen Untersuchung mit der Spaltlampe in der Hornhaut gefunden. Menschen mit adult-benigner Cystinose sind nicht krank, ihre Lebenserwartung ist nicht verkürzt.

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Diagnose

Eine Diagnose der Cystinose sollte immer von einem spezialisierten Stoffwechsellabor bestätigt werden. Eine erfolgreiche Therapie ist nur in enger Zusammenarbeit mit einer Spezialambulanz, die Erfahrung mit der Behandlung von Cystinose-Patienten hat, möglich.

Diese Symptome haben Sie bei Ihrem Kind vielleicht als erster bemerkt – und sie wurden zunächst (von Ihnen oder dem Kinderarzt) nicht allzu ernst genommen? Einige Untersuchungen wurden in der Klinik bei Ihrem Kind vielleicht schon durchgeführt?

Klinische Diagnose:

  • Unauffällig bei der Geburt
  • Im Verlauf der ersten 6 – 24 Monate:
    Wachstums- und Gedeihstörungen
    Ess-Störungen
    Vermehrte Urinausscheidung
    Starker Durst (bis zu 3 Ltr./Tag)
    Rachitis
    Hornhautkristalle (Spaltlampe!)

Wichtig: Wenige Kinder haben von Beginn an alle Symptome!

Labordiagnose:

  • Blut
    Mangel an Phosphor, Kalium, Natrium
    Erhöhung der alkalischen Phosphatase
    Kalziummangel, Magnesiummangel
    Übersäuerung des Blutes
    Niedriges Carnitin
    Veränderungen im Vitamin-D-Haushalt
  • Urin:
    Vermehrte Ausscheidung von Wasser
    Verluste von Glucose (bei normalem Blutzucker)
    Verluste von Aminosären, Natrium, Kalium, Phosphor
    u.a. (vgl. Blutwerte)

Diese Liste ist bestimmt noch nicht vollständig!

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Therapie

Eine ursächliche Behandlung der Cystinose gibt es bislang nicht. Da aber das Gen, dessen Veränderungen für die Cystinose verantwortlich sind, inzwischen gefunden wurde, könnte eine Gentherapie in etwa 10 – 15 Jahren eine Option werden. Zurzeit sind etwa 120 verschiedene Gen-Veränderungen (Mutationen) bekannt, die unterschiedliche Verläufe der Cystinose verursachen.

Therapie:

  • Grundsätzlich freier Zugang zu Flüssigkeit • hochkalorische Ernährung;
    bei Kindern mit starken Ess-Störungen evtl. mittels Sonde
    Ersatz von Elektrolyten, Natriumhydrogencarbonat, Phosphatsalzen, Vitamin D
  • evtl. Wachstumshormontherapie bei älteren Kindern
  • Cysteamin-Therapie
    Diese Therapie darf nur in Zusammenarbeit mit einem Cystinose-erfahrenen Stoffwechselexperten begonnen werden. Sie kann nur erfolgreich sein bei regelmäßiger Bestimmung des Leukozyten-Cystins durch ein Speziallabor
  • Cysteamin-Augentropfen zum Schutz der Hornhaut und der Netzhaut

Die Symptome, die vor allem durch die Schädigung der Niere hervorgerufen werden, können gebessert werden. Und es gibt auch Mittel zur Prävention weiterer Schädigungen: Alle Patienten werden, sobald die Diagnose gestellt worden ist, mit Cysteamin behandelt. Diese Substanz wird in den Körperzellen aufgenommen, wo sie das gespeicherte Cystin mobilisiert und damit den Abbau ermöglicht. Der Cystin-Gehalt der Gewebe sinkt auf normale Werte. Auf diese Weise kann auch das Fortschreiten des Nierenschadens verlangsamt werden. Erfahrungen mit dieser Therapie gibt es seit etwa 40 Jahren. Es gilt als erwiesen, dass bei regelmäßiger Einnahme der richtigen Menge Cysteamin die Nierenfunktion von Cystinose-Patienten möglicherweise über Jahrzehnte erhalten werden kann. Erwiesen ist auch, dass die meisten Kinder nach Beginn der Cysteamin-Behandlung zunächst besser wachsen. Cysteamin hat einen unangenehmen Geruch und Geschmack, der auch für das Umfeld des Patienten manchmal störend ist. Es gibt allerdings verschiedene Möglichkeiten, diese und andere  Nebenwirkungen zu reduzieren.

Cysteamin ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Behandlung der Cystinose. Brauchen Sie Hilfe im Umgang mit Nebenwirkungen wie Geruch, Schluckproblemen o.ä. können Sie bei uns oder vor allem bei der Cystinose-Selbsthilfe kompetenten Rat bekommen. Es ist wichtig zu wissen: Wer einmal für ein paar Jahre mit der Einnahme von Cysteamin aussetzt, wird große Probleme bekommen, wieder mit diesem Medikament anzufangen.

Niere
Versagt bei einem Patienten die Niere vollständig, kann sein Leben durch eine Nierentransplantation erhalten werden. Die ältesten Cystinose-Patienten in Deutschland sind über 40 Jahre alt; vor allem die jungen Erwachsenen sind gesundheitlich gut in der Lage, allein zu leben und berufstätig zu sein. Eine Transplantatniere wird durch die Krankheit Cystinose nicht angegriffen.

Wachstum
Trotz stabiler Nierenwerte bleiben Kinder mit Cystinose auch bei guter Einstellung mit Cysteamin häufig im Wachstum zurück, was durch eine Behandlung mit Wachstumshormon ausgeglichen werden kann.

Augen
Augenproblemen wie Lichtempfindlichkeit oder späteren schwerwiegenderen Sehproblemen wird mit Cysteamin-Augentropfen vorgebeugt.

Muskeln und innere Organe
Leider hat man feststellen müssen, dass mit der längeren Überlebenszeit der Patienten auch an weiteren Organen (Schilddrüse, Pankreas, Leber) Schäden auftreten können. Diesen Spätfolgen kann durch eine gute Einstellung mit Cysteamin vorgebeugt werden. Muskelschwund (bei manchen Patienten verbunden mit starken Schluck- und  Sprechschwierigkeiten) ist nicht selten. Dagegen kann Sport, Logopädie und Krankengymnastik (mit konsequentem Training auch zu Hause) helfen.

Eine enge Zusammenarbeit von Stoffwechselspezialisten und Nephrologen für Kinder und für Erwachsene ist dringend geboten.

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Leitung
Priv.-Doz. Dr. med. Katharina Hohenfellner
Kontakt
Kontakt
Kindernephrologie

Fachärztin für Kindernephrologie

Sprechstunde Kindernephrologie

Priv.-Doz. Dr. med. Katharina Hohenfellner

Termin nach Vereinbarung
Tel  +49 8031  365 64 59

Mo - Fr 08.00 - 16.00 Uhr

Früherkennung bei Neugeborenen der schweren Krankheit Cystinose

Die "Sternstunden"-Benefizaktion des BR, unterstützte dieses Jahr mit Spendengeldern das Neugeborenen-Screening, um seltene Erkrankungen, wie die Cystinose, zu erkennen und früh zu behandeln. Am Beispiel der kleinen Patienten von Priv.-Doz. Dr. med. Katharina Hohenfellner, Leiterin der Kindernephrologie am RoMed Klinikum Rosenheim, erzählt der Videobeitrag von den bedeutsamen Vorteilen einer frühzeitigen Behandlung.

BR-Mediathek
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